Warum sind Sachen unrund?
Why are things unround?


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Unrundes in Kultur und Technik - Packungen
Unround things in culture and technology - packings
Fachwerke, Tragwerke, Hängewerke
Framework, Truss
01.12.2010

In unseren Breiten haben die Menschen in der Jungsteinzeit gelernt, ziemlich große Häuser zu bauen, sogenannte Langhäuser. Dach und Wände wurden von mehreren Reihen hölzerner Stützpfosten getragen. In den Wänden waren nur die Stützen tragend. Die Füllungen dazwischen bestanden aus Flechtwerk und Lehm oder aus Torf- oder Grassoden. Der Grundriss dieser Häuser war durchaus nicht immer rechteckig. Er konnte trapezförmig oder in der Mitte ausgebaucht sein und auch die Abstände der Stützen waren oft verschieden. Wahrscheinlich hat man sich den örtlichen Gegebenheiten und dem vorhandenen Baumaterial angepasst. Der Boden war natürlich waagerecht und die Stützen waren senkrecht, weil sie die senkrecht wirkende Schwerkraft am besten aufnehmen konnten, ähnlich wie das bei Bäumen auch ist. Der rechte Winkel ergab sich also aus der Bauweise. Aber ein rechtwinkliger Grundriss hätte sich nur ergeben, wenn man ungefähr gleich lange Dachsparren und Querstreben zwischen den Stützen verwendet hätte, eine Standardisierung also.

Diese Technik des Tragwerkbaus ist so gut, dass bis heute Häuser mit hölzernem Tragwerk gebaut werden. Selbst bei Bodensenkungen, faulenden Fundamentbalken oder Erdbeben fallen sie nicht in sich zusammen. Wandfüllungen und Dachziegel können leiden, aber die Wand- und Dachkonstruktion bleibt intakt. Alte Fachwerkhäuser sind manchmal so schief, dass kein Möbelstück stehen will, aber stabil sind sie trotzdem.

Auch aus Stahl oder Stahlbeton lassen sich solche Tragwerke bauen. Man nennt das Skelettbauweise. Wandplatten, Decken und Bodenteile werden in das Skelett eingehängt. Bei Plattenbauten sind dagegen die vorgefertigten Wandelemente als ganzes tragend und werden miteinander verbunden. Moderne Skelett- und Plattenbauten haben die Standardisierung der Bauteile gemeinsam. Als Massenware vorgefertigt verbilligen sie den Bau erheblich. Unvermeidliche Konsequenz: Rechtwinkligkeit und Einförmigkeit. Die Einförmigkeit geht so weit, dass eine Abweichung davon sofort auffällt. Es gibt die wahre oder unwahre, jedenfalls gute Geschichte von dem Bewohner eines Plattenhochhauses in Berlin-Hellersdorf, dem eines Tages beim Nachbarn von oben drüber auffällt, dass dessen Wohnzimmer irgendwie größer ist als seins. Argwöhnisch bohrt er seine Wand an und findet dahinter einen Hohlraum, in dem eine Beton-Mischmaschine steht. Man hatte beim Bau vergessen, sie rechtzeitig zu entfernen, bevor das nächste Stockwerk aufgesetzt war. Um das zu vertuschen wurde sie einfach eingemauert.

Tragwerke kennen wir aber auch von Brückenbauten, Kranauslegern und Sendemasten. Sie haben ihre eigene Ästhetik, die weitgehend darauf beruht, dass sie Material-minimiert sind. Nur da, wo Kräfte wirken, sind Pfeiler und Streben, der Platz dazwischen ist freigelassen.

Vielleicht am weitesten hat es der Architekt Richard Buckminster Fuller getrieben, der selbsttragende Kuppeln entwarf, die aus einem Tragwerk aus Stäben gebildet werden. Fullers Kuppeln haben einer Klasse von Kohlenstoffphasen den Namen gegeben, die erst seit gut 20 Jahren bekannt sind: die Fullerene. Das bekannteste Beispiel ist der "Bucky-ball", das Buckminster-Fulleren, ein Ball aus 60 Kohlenstoffatomen, die in Fünf- und Sechsecken angeordnet sind wie ein Fussball.

Auch technische "Hängewerke" gibt es: Flächige oder räumliche Netze, z.B. in Form von Kletteraufbauten aus Seilen auf Kinderspielplätzen, Hängebrücken, Oberleitungen bei der Bahn, Zelte und Segel. Allen gemeinsam ist, dass es Stangen, Platten oder Rahmen aus druckfestem Material gibt, während ein Netzwerk aus erstaunlich dünnen Seilen oder Fasern die Zugkräfte aufnimmt. Fast ohne steife Teile kommen nur manche Fischernetze aus, die aber dann Schwimmer und Gewichte haben, um das Netz im Wasser auszuspannen.


Modell der Langhäuser, gefunden in Feddersen-Wierde, 1. Jh. vor bis 5. Jh. nach Chr., Niedersächisches Landesmuseum Hannover (Wikipedia).
Model of long houses from neolithic age, found in Feddersen-Wierde, 1st century bc to 5th century ac, Niedersächisches Landesmuseum Hannover (Wikipedia).

Rechts: Neues hölzernes Tragwerk für ein Ökohaus in der Dordogne (Frankreich).
Right: New timber-frame house in Dordogne (France)



Krummes aber stabiles Fachwerk in Melsungen (Hessen).
Timber-framed house in Melsungen (Germany), twisted but stable.


Plattenbau, Arbeiter-Wohnheim am Sonntag, Dalian, China, 1993.
Plattenbau, workers' residential home on sunday, Dalian, China 1993.


Kräne.
Cranes.



Modell des "Bucky-balls", einem runden Molekül aus 60 Kohlenstoffatomen (schwarz). Die Bindungen zwischen den Atomen sind hier wie Stäbe in einem Tragwerk dargestellt.
Model of the Buckminster fullerene "Bucky-ball", a spherical molecule consisting of 60 carbon atoms. The bonds between the atoms are represented as sticks like in a truss. The name is after the architect Buckminster Fuller who built domes after this principle.


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